Eine Nacht unterwegs mit Pistenraupen
Vor einigen Jahren habe ich für meinen damals noch aktiven omega tau Podcast eine Episode zu Pistenraupen aufgenommen. Kässbohrer hatte keine Lust, aber Prinoth hatte zugesagt. Neben den Gesprächen dort habe ich auch das Skigebiet Ratschings in der Ecke dort besucht, bin mitgefahren, und habe fotografiert. Das Abendlicht war teilweise ganz schön, und es sind ein paar schöne Bilder entstanden.
Zwei Probleme: erstens war das am Anfang meiner Fotografiererei und ich habe handwerklich einiges suboptimal bis falsch gemacht. Und zweitens ... naja, es waren halt keine Pistenbullys, sondern die Konkurrenz aus Südtirol. Für mich als Schwabe ist das ein Problem :-) Also musste ich da nochmal ran. Es ist allerdings gar nicht so einfach, Kontakt und Zugang zu bekommen. Über ein paar Ecken kannte ich indirekt jemanden am Feldberg ... und dieser Tage hat es geklappt. Zwischen 17:00 und 23:00 war ich mit Wolfgang, dem "Pistenchef" am Feldberg und seinen Maschinen unterwegs.
Mehr Details zu Pistenbullys, SnowSat und Co.
Vor meiner Linse waren ein Pistenbully PB 100, ein PB 400 mit ParkPro Schild und ein PB 600 Polar mit Winde. Der 400er hat zunächst mit "Gabelstaplergabeln" die Hindernisse für den Funpark aufgebaut. Dann hat er einige der Pisten gemacht. Er war mit Gummiketten ausgerüstet, was zusammen mit dem geringen Gewicht für Lagen mit wenig Schnee geeignet ist -- denn er macht den Untergrund nicht so kaputt.
Für die wirklich steilen Strecken brauchte es allerdings die große Maschine; vor allem wegen der Winde. Auch wenn der Pistenbully mit seinen extrem breiten und "groben" Raupen die gut 500 PS seines Cummins-Motors ordentlich "auf die Straße" bringt, gibt es irgendwann natürlich Probleme mit dem Grip. Insbesondere, wenn der Schnee an sich nachgibt beziehungsweise wegrutscht. Enter the Winch: damit kann sich das Fahrzeug per Stahlseil oben am Berg verankern und sich hochziehen bzw. "abseilen". Natürlich braucht die Winde Leistung die vom gleichen Motor kommt und deshalb den Raupenfahrwerken nicht mehr zur Verfügung steht. Aber die Winde hat eben keinen Schlupf und erzeugt dadurch Vorschub, unabhängig vom Grip des Untergrunds. Mit ihren 4.6 Tonnen maximaler Zugkraft führt das zu "bis zu 50% mehr Schub", so Wolfgang. Damit das Fahrzeug trotz der Winde Kurven fahren kann, ist die Seilführung so ausgelegt, dass sie quasi um das Fahrzeug rotieren kann (sollte durch die Bilder klar werden). 1400 Meter Seil sind drauf. Schon eine tolle Technik.
Ein weiterer Aspekt der mich begeistert hat war SnowSat, also eine satellitengestütze Schneehöhenmessung. Die Idee: man vermisst das Höhenprofil des Bergs im Sommer. Im Winter kann dann durch Höhenmessung des fahrenden Pistenbullys die Schneehöhe als Differenz abgeleitet werden. Zur Höhenmessung wird GPS & Co. verwendet. Der Haken: eigentlich kann GPS die Höhe nicht auf Zentimeter genau messen. Deswegen kommt RTK zum Einsatz. Real Time Kinematic ist ein Verfahren zur hochpräzisen Positionsbestimmung per GNSS; es ermöglicht Zentimeter-Genauigkeit in Echtzeit. Dazu wird neben dem Empfänger im Pistenbully eine Referenzstation mit bekannter, exakt vermessener Position eingesetzt. Diese Basisstation empfängt die gleichen Satellitensignale wie der Rover, berechnet daraus aktuelle Messfehler und überträgt entsprechende Korrekturdaten an den Bully. Durch den Vergleich der eigenen Messungen mit den Korrekturdaten kann der Rover Fehler wie Satellitenuhrenabweichungen, Bahnfehler und atmosphärische Einflüsse kompensieren. RTK nutzt dabei insbesondere die Phasenmessung der Trägerwellen der Satellitensignale, was die hohe Genauigkeit ermöglicht.
Der Fahrer sieht vor auf einem Bildschirm eine Karte mit der Höhenmessung von der letzten Fahrt. Nach Überfahrt wird sie aktualisiert. Die Karte zeigt auch an, welche Flächen schon länger nicht mehr befahren wurden. Auch Skiabfahrten, gesperrte Gebiete oder Hindernisse sind eingezeichnet. Insbesondere bei Nebel ist das laut Wolfgang unverzichtbar. Eine Erweiterug des Systems -- am Felberg nicht verbaut -- verwendet Lidar, um einige Meter vor der Raupe die Höhe zu vermessen. Damit sieht der Fahrer nicht mehr nur auf der Karte die Schneehöhe von der Fahrt (meist Nacht) vorher, sondern die tatsächliche; bei der üblichen Fahrgeschwindigkeit hat er zwischen 5 und 7 Sekunde Zeit, um auf die Echtzeitmessung zu reagieren.
Im Routineeinsatz verteilt und profiliert die Pistenraupe zunächst den Schnee: Mit dem Frontschild wird Schnee von schneereichen zu schneearmen Stellen geschoben, Unebenheiten wie Buckel oder Spurrillen werden ausgeglichen und die gewünschte Form sowie Neigung der Piste wiederhergestellt. Anschließend lockert und mischt die Heckfräse die oberste Schneeschicht. Dabei werden harte oder vereiste Bereiche aufgebrochen und Natur- sowie Kunstschnee gleichmäßig miteinander vermischt. Zum Abschluss wird der aufgelockerte Schnee wieder verdichtet und geglättet. Die Glättplatte formt dabei die typische Cordstruktur, die für guten Halt, angenehmen Fahrkomfort und eine langlebige, gleichmäßige Pistenoberfläche sorgt.
Der Fahrer beschäftigt sich dabei vor allem mit dem Frontschild, das sich in vielen Richtungen bewegen lässt. Es kann hoch und runter gefahren werden, um die Arbeitstiefe im Schnee zu steuern. Außerdem lässt sich das Schild nach vorne oder hinten kippen, um den Schneeschnitt aggressiver oder feiner zu gestalten. Eine weitere Bewegung ist das Schrägstellen nach links oder rechts, wodurch der Schnee seitlich abgezogen wird (à la Schneepflug). Zusätzlich kann jede Seite des Schildes einzeln gehoben oder gesenkt werden, um Querneigungen auszugleichen oder gezielt Schnee zu modellieren. Daneben hat das Schild auch noch Klappen an den beiden Seiten die nach vorne oder gerade zur Seite bewegt werden können. Zur Steuerung gibt's nen Joystick mit 1000 Knöpfen, wie HOTAS in der F-16. "Easy to Learn, hard to master", so Wolfgang's Kollege Patrick. Wolfgang macht das allerdings seit 20 Jahren. "Das geht alles unterbewusst".
So. Genug der Rede. Auf zu den Bildern. Vielen Dank an Wolfgang, Hubert, Patrick und Silvio dass das geklappt hat -- das war die "Beziehungskette" rückwärts :-)





