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Auf 40 Achsen nach Ludwigsburg

Ein Generator wird per 600-Tonnen-Raupenkran vom Schiff geladen und per Schwertransport an seinen Zielort transportiert.




Ein Generator erzeugt aus einer Rotationsbewegung elektrischen Strom. Das wird beispielsweise in einem Kraftwerk eingesetzt, wobei die Rotation beispielsweise durch eine Dampf- oder Gasturbine erzeugt wird. Generatoren kann man aber auch als Phasenschieber einsetzen um Stromnetze zu regeln. Aufgrund von Phasenverschiebungen zwischen Strom und Spannung entsteht in Wechselstromnetzen zusätzlich zu "normaler" elektrischer Leistung, der sogenannten Wirkleistung, auch Blindleistung. Ist die Blindleistung zu niedrig, führt das zum Sinken der Spannung im Netz. Will man nicht. Wird sie zu hoch, sinkt die übertragene Wirkleistung. Das will man auch nicht. Deswegen muss der Anteil der Blindleistung in Stromnetzen geregelt werden. Genau das ist die Aufgabe eines Phasenschiebergenerators. Warum erzähle ich das alles? Amprion hat 2022 solch einen Phasenschieber-Generator im Umspannwerk Hoheneck bei Ludwigsburg installiert. Das Ding wog meherere hundert Tonnen und ist per Schiff in Freiberg am Neckar angekommen. Den Hub vom Schiff auf den Laster und und den Transport bis kurz vor das Umspannwerk (ich hatte leider keinen Zutritt) habe ich fotografisch begleitet.

Den Hub hat Wiesbauer mit ihrem Tadano-Demag CC 3800 durchgeführt, einem Raupenkran der bis zu 650 Tonnen heben kann. Ich war bereits an einem der Aufbautage vor Ort und konnte einige schöne Dämmerungsbilder vom Aufbau einfangen. Interessant ist, wie der Kran sich selbst "bootstrappt", also bspw. seine Raupen vom Tieflader hebt um sie an seiner eigenen Grundplatte zu montieren. Ein Hilfskran ist natürlich trotzdem nötig zur Montage des Auslegers und der Ballastplatten.

                                                       

Der Hub am nächsten Tag war extrem beeindruckend. Einen so schweren Generator "in der Luft" schweben zu sehen ist schon cool. Und wie immer bei Kraneinsätzen ist die Kombination aus schweren Lasten und präziser Bewegung imposant; der Generator soll beim Herausheben nicht am Schiff anstoßen und muss an der genau richtigen Stelle auf dem Transporter abgestellt werden.

                                                                       

A propos Tranporter. Ich habe das Ding oben leichtfertig "LKW" genannt. Ist natürlich eine Untertreibung. Denn transportiert wurde die schwere Last mit sogenannten Selbstfahrern, oder Self-Propelled Modular Transporter (SPMT) der Spedition Kahl. SPMTs sind modulare Fahrgestelle, meist in Gruppen von sechs oder acht Achsen, die zusammengekoppelt werden können. Zusätzlich ist jede der Achsen in alle Richtungen lenkbar, man kann also sowohl normale Kreisbögen als auch "schräg" fahren. Außerdem können die Achsen einzeln in der Höhe verstellt werden um einerseits die Transportfläche waagerecht zu halten und andererseits Bodenunebenheiten wie z.B. Bordsteinkanten auszugleichen. SPMTs koppeln sich allerdings nicht nur physikalisch, sondern auch softwaretechnisch: das gesamte Gefährt — hier 18 Achsen — lässt sich von einem Bedienpult aus steuern. Typischerweise läuft der Bediener hinterher, denn schnell sind die Dinger nicht. Es aber spricht natürlich auch nichts dagegen sich auf den Transporter zu stellen und mitzufahren, wenn es einfach nur "langweilig" geradeaus geht. Bekannte Hersteller von SPMTs sind Scheuerle, Cometto und Goldhofer (wie in diesem Falle).

                                                                           

Der Generator an sich war auf einer Seitenträgerbrücke gelagert. Die beiden Enden dieser Brücke waren auf je einem 18-Achsigen SPMT befestigt. Die beiden SPMTs waren jeweils separat steuerbar, sodass der Generator auf seiner Brücke auch um (relativ) enge Kurven bugsiert werden konnte. Die Jungs vorne und hinten waren über Funk miteinander verbunden.

Fehlen noch 4 Achsen um auf die oben erwähnten 40 zu kommen. Die gehören der wunderschönen Actros-Zugmaschine. Die wurde an den vorderen SPMT angekoppelt um dabei zu unterstützen, das gesamte Gefährt in Freiberg den Berg hochzubekommen; dafür hatten die SPMTs nicht genug Leistung.

Alles in allem eine sehr spannende Geschichte, mein bisher größter Schwertransport. Das einzige Manko? Der Transport fuhr mittem im Sommer am hellichten Tage. Die Sonne war hell und hart. In der Morgen- oder Abenddämmerung wäre das ganze nochmal sehr viel cooler gewesen :-)